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Theologe: Episkopat verschweigt Nazi-Unterstützung

Verantwortlicher Autor: Jochen Raffelberg München, 22.08.2019, 18:48 Uhr
Presse-Ressort von: Jochen Raffelberg Bericht 5197x gelesen

München [ENA] Die Mahnung eines katholischen Theologen an den deutschen Episkopat, die “kirchliche Unterstützung des Hitler-Krieges” nicht länger zu verschweigen, hat angesichts polnischer Reparationsforderungen und der angekündigten Polen-Reise von Bundespräsident Steinmeier Aufsehen erregt. Katholische Organisationen erklärten, sie unterstützten den Brief an die Bischöfe zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs.

Die Friedensbewegung Pax Christi und die Reformgruppe Wir sind Kirche veröffentlichten das Schreiben des im Oktober verstorbenen Theologen Heinrich Missalla am Donnerstag in München, in dem der damals 92-jährige “ein offenes und ehrliches Bekenntnis zum problematischen Verhalten der damaligen Bischöfe zu Hitlers Krieg” gefordert hatte. In seinem Antwortschreiben habe sich Kardinal Reinhard Marx, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, die den Brief Anfang Februar 2019 erhalten habe, überzeugt gezeigt, dass die Veröffentlichung des Briefes Anstoß geben werde, von “Neuem über die Kriegsverbrechen des Nationalsozialismus und das Verhalten der verantwortlichen Bischöfe nachzudenken”.

Der von Missalla verfasste Brief an die Bischofskonferenz zitiert aus damaligen Hirtenbriefen die bischöflichen Aufforderungen an die Gläubigen, an der Front und in der Heimat aufopferungsvoll ihre „Pflicht“ zu erfüllen. Er erinnert aber auch an die Aussage der Bischöfe aus dem Jahr 2000, dass wer sich weigere, “sich dem Schatten seiner Geschichte zu stellen, bleibt an sie gekettet.“ Bisher hätten die Bischöfe zwar ihren Widerstand gegen die NS-Ideologie betont, ihre Unterstützung des Hitler-Krieges jedoch verschwiegen. Deshalb fordert Missalla die Bischöfe auf, zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs am 1. September “endlich den Mut zur Ehrlichkeit und zum Aussprechen der Wahrheit“ zu haben.

Nach Rückkehr aus der Kriegsgefangenschaft gehörte Missalla seit Mitte der 1950er Jahre der katholischen Friedensbewegung Pax Christi an, deren deutsche Sektion von dem emeritierten Fuldaer Bischof Heinz Josef Algermissen geleitet wird. Missalla war über 40 Jahre als Priester tätig; ihm wurde aber die kirchliche Lehrerlaubnis entzogen, als er 1996 die Kirchenhistorikerin Magdalene Bussmann heiratete. Der Theologe hatte nach einer Dozentur an der Pädagogischen Hochschule Koblenz als Professor für Katholische Theologie an der Universität Essen gelehrt.

In seinem Brief schrieb der Theologe, nach dem Überfall auf Polen habe zum Beispiel der Bischof von Münster, Clemens August Graf von Galen, gepredigt, die deutschen Soldaten erkämpften “einen Frieden der Freiheit und Gerechtigkeit für unser Volk”. Auch habe er den Krieg einen “neuen Kreuzzug” genannt. Bischof Hermann Wilhelm Berning von Osnabrück habe die Gläubigen beten lassen, “dass Gott uns den Sieg verleihe”. Angesichts dessen bleibe ein Rätsel, warum fast der gesamte deutsche Episkopat den verbrecherischen Charakter des Hitler-Krieges nicht erkannt und die ihm anvertrauten Gläubigen aufgerufen habe, “sich gehorsam und todesbereit zur Verfügung zu stellen”.

Dass bisher keine umfassende Untersuchung über die deutsche katholische Kirche im Krieg erstellt worden sei, sei “einigermassen erstaunlich”. Die Unterstützung des Hitler-Kriegs durch die deutschen Bischöfe sei bis heute verschwiegen worden. Missalla warnte vor der möglichen Sorge des Episkopats, das ohnehin ramponierte Ansehen der Kirche beim Eingeständnis eines schwerwiegenden Irrtums weiter zu schwächen. Aufrichtigkeit dürfte aber langfristig eher zur Rückgewinnung verlorener Glaubwürdigkeit beitragen.

Das Präsidialamt hatte mitgeteilt, dass Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier vom 31. August bis 1. September nach Polen reise, wo er auf Einladung des polnischen Staatspräsidenten Andrzej Duda am Gedenken zum 80. Jahrestag des Beginns des Zweiten Weltkriegs teilnehme. Mit Wieluń besuche das Staatsoberhaupt den Ort, der in den frühen Morgenstunden des 1. September 1939 als Erstes durch die Angriffe der deutschen Luftwaffe zerstört worden sei. In einem Gespräch mit Journalisten der Funke-Mediengruppe hatte Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki die Forderung seines Landes nach Reparationen bekräftigt. Für die “Greueltaten” des Krieges habe Polen bis heute “keine angemessene Kompensation” von Deutschland erhalten, wurde er zitiert.

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